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Ich hab´die Haare schön

- eine kleine Selbstanalyse -

Seit mehreren Jahren lasse ich meine Haare wachsen, mit dem schönen Ergebnis eines langen, dicken Zopfes, den ich meistens seitlich trage. Meine Haare sind nun schon über 60cm lang, was ich daran ersehe, dass ausgefallene Exemplare länger sind als die Breite meiner Yogamatte. (Da seht ihr mal, welche Ablenkungen sich morgens auf der Matte bieten.)

Menschen, Freunde, Bekannte die mich lange Zeit nicht gesehen haben, staunen über meine Frisur. Meistens werden meine Haare bewundert: die Dicke des Zopfes, die Länge, und dass sie gesund aussehen. Ich kommentiere dies zwar oft recht flapsig:

Ja, sooooooooooo lange haben wir uns nicht gesehen.“

Aber eigentlich finde ich es richtig toll, ein Kompliment zu bekommen und genieße es.

Da ich nie mit besonderer Schönheit gesegnet war (also nur mit normaler 😉 ist es schon ungewohnt für mich, aufgrund meines Äußeren positives Feedback zu bekommen.

Nun könnte ich diese Liebenswürdigkeit einfach so annehmen, sozusagen durch mich hindurchrauschen lassen wie ein Yogi (in Gleichmut Freude oder Leid gleichermaßen hinnehmen) aber ich bemerke, wie mich dies verändert und neue Verhaltensweisen bewirkt.

Je mehr Bestätigung ich durch meine Frisur bekomme, desto mehr Aufmerksamkeit widme ich meinen Haaren. Ich pflege sie – das habe ich früher nie getan! Und ich wundere mich schon, wenn Bekannte, die mich lange nicht gesehen haben, nichts zu meiner optischen Veränderung sagen. Mittlerweile erwarte ich fast eine Aussage.

Hmm – was passiert da eigentlich mit mir?

Im Gehirn wird das Belohnungssystem aktiviert, der Botenstoff Dopamin wird ausgeschüttet, ein Glücksgefühl entsteht. Auf diese Weise werden wir ermuntert, bestimmte Dinge ständig zu wiederholen. Die Selbsterhaltung soll dadurch motiviert werden.

Das heißt, dieses „immerwiederhabenwollen“ ist in uns vorprogrammiert. Das klesha Raga* ist in uns angelegt, finde ich total spannend, darüber werde ich nochmal nachdenken.

Die Komplimente nähren jedenfalls mein Ego.

Vielleicht kompensiere ich mit der Aufmerksamkeit auf meine Haare andere Veränderungen meines Körpers, die sich mit Mitte 50 halt so einstellen. (Was ich an Baumstämmen so liebe – der sich durch Jahresringe vergrößernde Umfang – dem kann ich in meiner Leibesmitte beileibe nichts Positves abgewinnen.)

Allerdings bezieht sich diese Wertschätzung auf einen typisch weiblichen Aspekt. Würdest du auch zu einem Mann sagen, dass er tolle Haare hat? Wenn aber jemand zu mir sagen würde „Boah, Monika – bist du intelligent!“ würde das bei mir wohl eher schallendes Gelächter auslösen statt der Ausschüttung des Glücksbotenstoffes.

Wir alle wollen gesehen werden, wir wollen Aufmerksamkeit, und haben unsere Strategien, sie zu erhalten. Wir machen uns hübsch oder posaunen kluge Sachen in die Welt. Wir füttern facebook und Instagram in der Hoffnung auf viele likes (her mit dem Dopamin).

Daran ist im Prinzip auch nichts falsch. Wir Yogis üben allerdings immer, die Beobachterposition einzunehmen.

Genieße die schönen Dinge des Lebens aber mache dich nicht abhängig davon“ ist für mich ein schöner Leitsatz. Also auch nicht abhängig von Dopamin.

Nun, das ist die Theorie, die Realtität sieht leider anders aus:

Normalerweise trage ich einen dicken Zopf an der Seite, manchmal mache ich mir zwei Zöpfe, denn das ist praktischer im Schulterstand. Dann gucke ich mir die zwei dünnen Zöpfe an und will zwei dicke – also wenn das nicht Raga ist!

Und übrigens – das ist Svadhyaya – die Selbstreflexion (anhand der Schriften)

es bleibt spannend!

Eure Monika

*kleshas sind die Leid-verursachenden Dinge, Raga ist die Gier